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| Hilfreicher Antifaschismus | |
| Zum Umgang mit dem jugendlichen Rechtsradikalismus | |
| von Roland Wehl | |
Anfang 1982 stellte Ulrich Leinweber der Öffentlichkeit seinen Film vor: 'Kein Land in Sicht', in dem er Jugendliche berichten ließ, wie sie in die rechte Szene hineingeraten waren. Neben Jugendlichen, die sich als 'nationale Demokraten' empfanden, und anderen, deren rechte Gesinnung bereits erste Brüche aufzuweisen schien, war auch einiges über jugendliche Neonazis zu erfahren, jene Jugendliche, die selbst Wert darauf legen, der NS-Szene zugeordnet zu werden und dies durch Uniformierung u.ä. unterstreichen. 'Heute gibt es nicht mehr diese Großaktionen und -organisationen, die sind mehr in kleinen Gruppe zusammengefaßt. Die Bewegung geht von den 'großen' Parteien NPD oder Deutsche Volksunion zu ganz kleinen Gruppen. Vier, fünf Leute schließen sich in einer Klasse zusammen, kaufen sich alte Bundeswehruniformen, fragen, wie das denn war mit dem Zweiten Weltkrieg und merken, daß sie damit Aufmerksamkeit erregen. Da die Schule eh verhaßt ist, gibt es an solchen Punkten wie antifaschistischer Unterricht, falls er überhaupt stattfindet, flapsige Bemerkungen oder auch mal Hakenkreuze an der Tafel. Da gibt's dann plötzlich Putz und sie fragen sich, was ist denn überhaupt an der ganzen Sache dran? Sie beschäftigen sich mehr damit, lassen sich aus dem Ausland Bücher kommen, bis sie irgendwann mit der Schule und der Staatsmacht in Konflikt geraten. So kommen sie immer mehr in die Isolation, werden irgendwann von der Schule verwiesen oder verlieren ihren Arbeitsplatz. Was dazu parallel läuft, sie schließen sich anderen Gruppen an, gehen sogar ins Ausland und schlingern so immer mehr in die Geschichte rein. Irgendwann passiert das Merkwürdige, daß sie endlich etwas machen wollen, und sie schmeißen mal 'ne Bombe, klauen Waffen… Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit, als wir Hammer und Sichel an die Schultafel gemalt haben, da stand die ganze Schule Kopf. Heute ist das nicht mehr möglich, Heute interessiert das keinen Menschen mehr. Heute gibt es ja viele fortschrittliche Lehrer, und da das ganze System Schule so verhaßt ist - Anonymität, Leistungsdruck - was also nicht gegen den Lehrer geht, da wird dann damit Protest gemacht. Dann reagieren Lehrer aber ziemlich aggressiv, da passiert was…'
Diese Entwicklungsbeschreibung zeigt Hintergründe des jugendlichen Neo-Nazismus, die zwar bekannt sind, häufig jedoch geleugnet werden. Dabei spielt die Angst eine große Rolle, sich der Verharmlosung neofaschistischer Gruppen schuldig zu machen. 'Wir haben nichts dazu getan, damit es gar keine Faschisten gäbe. Wir haben sie nur verurteilt und unser Gewissen mit unserer Entrüstung beruhigt; und je stärker und stolzer die Entrüstung war, um so ruhiger war das Gewissen. In Wirklichkeit haben wir uns gegenüber den Faschisten (ich meine vor allem die jungen) wie Rassisten benommen: Wir haben nämlich in Eile und ohne Erbarmen glauben wollen, daß sie von ihrer Herkunft her zu Faschisten prädestiniert wären.' (ams gruppe) |
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| © Roland Wehl aus: Zeitschrift 'wir selbst', Ausgabe 3/1984 | |
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| Ein deutscher Film mit einem zeitgeschichtlichen Thema bekommt in Hollywood den Oscar für den besten fremdsprachigen Film verliehen, und – der Film handelt nicht vom Dritten Reich. Das ist doch eine Nachricht. Schlöndorffs Verfilmung des Grass-Romans „Die Blechtrommel“ (Oscar 1980) und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ nach Stefanie Zweigs gleichnamigem Roman (Oscar 2003) behandelten dieses „deutsche Thema“. Nun gelang dem 33jährigen Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Filmdebüt dieser sensationelle Durchbruch. „Das Leben der anderen“ holte die zweite deutsche Diktatur aus dem Genre des Klamauks zurück, in das sie Filme wie „Sonnenallee“ und „Good bye Lenin!“ geführt hatten. Donnersmarck gelang es in seinem Film, insbesondere dem nachgeborenen oder – wie in Hollywood – ausländischen Publikum eine Ahnung des subtilen Terrors zu vermitteln, den der Stasi-Staat DDR auf den Einzelnen ausübte. Der Regisseur mußte sich auch gegen eine Medienkampagne aus der linken Ecke zur Wehr setzen, weil er gewagt hatte, das Totalitäre an der DDR und den Opportunismus insbesondere im Kulturapparat zur Kenntlichkeit zu entstellen. Eine machtvolle Lobby der DDR-Verharmloser zeigte hier ihre Präsenz. Henry Hübchen, Parade-Repräsentant des korrumpierten DDR-Kulturbetriebes, griff Donnersmarck deshalb mehrfach scharf an, das Ex-FDJ-Blatt Junge Welt beschreibt den Regisseur beleidigt als „selbstherrlich-schmierigen Typ“ – kurz: Hier hat einer ins Schwarze getroffen. Der deutsche Film ist wieder im Kommen. Dieser Oscar ist ein Symbol hierfür. Der Mut, zeitgeschichtliche Themen jenseits der ausgetretenen Trampelpfade anzupacken, nimmt zu. Die staatliche Filmförderung hat bislang allzu Politisch-Korrektes bei der Geldvergabe vorgezogen. In letzter Zeit begannen die Lockerungsübungen: „So weit die Füße tragen“ (2001), „Das Wunder von Bern“ (2003), „Der Untergang“ (2004), „Stauffenberg“ (2004), „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005), mit deutlichen Abstrichen „Dresden“ (2006) – alles Beispiele für erfolgreiche und überwiegend gute Umsetzungen zeitgeschichtlicher Filmstoffe aus Deutschland. Deutsche Filmproduktionen erreichten an heimischen Kinos 2006 mit 25,8 Prozent den höchsten Anteil seit 1991. Damit dominiert Hollywood nicht mehr in dem Maße wie in der Vergangenheit, auch wenn die Kassenmagneten in Kalifornien produziert werden und nach wie vor ästhetisch den Takt vorgeben. Junge Regisseure und Produzenten treten zunehmend selbstbewußt aus dem Schatten einer Generation heraus, die ab 1968 entweder durch langweiliges Problemkino oder „Supernasen“-Humor aufgefallen ist. Klamauk („Schuh des Manitu“) ist sicher immer noch Hauptkassenschlager. Dennoch unterstreicht der an diesem Freitag im Fernsehen startende Zweiteiler „Die Flucht“ einen Trend. Erstmals versucht ein großer Film die Tragödie des untergegangenen deutschen Ostens zu thematisieren. Trotz Schwächen: Man muß es begrüßen, daß sich im Gefolge der Buch-Bestseller „Im Krebsgang“ (Günter Grass) und „Der Brand“ (Jörg Friedrich) nun auch Filmemacher einer Seite unserer Geschichte zuwenden, die bislang überwiegend im kollektiven Unterbewußten schlummerte. | |